Das Jahr 1970
Schlagzeilen des Jahres 1970
Altendorf-Ruhr (später Burgaltendorf) wird nach Essen eingemeindet.
In Essen wird ein deutschsowjetischer Vertrag über die Lieferung von sowjetischem Erdgas gegen Großröhren abgeschlossen.
In Essen wird die »Ruhrwerkstatt für Literatur der Arbeitswelt« gegründet.
Der amerikanische Prediger Billy Graham tritt in Dortmund auf.
Mit den Aufführungen »Quodlibet« von Peter Handke und Rainer Werner Fassbinders »Pre-Paradise, sorry now« wird das avantgardistische Antitheater »Studio M« in der Duisburger Mercatorhalle eröffnet.
Die VEBA AG gründet die VEBA Kraftwerke Ruhr GmbH mit Sitz in Gelsenkirchen.
In Bergkamen wird mit der Galerie Sohle 1 die erste kommunale Bildergalerie in der BRD eröffnet.
Der Revierpark Gysenberg in Herne wird eröffnet.
In der Dortmunder Westfalenhalle beginnt die erste Kinderferienparty.
In der Essener Grugahalle wird erstmals das Hippie-Musical »Hair« gezeigt.
In Essen wird der Ruhrschnellweg-Tunnel, mit 1020 m die längste unterirdische Straßenführung der Bundesrepublik, in Betrieb genommen.
Die Rheinbrücke in Duisburg-Neuenkamp wird dem Verkehr übergeben.
Die Deutsche Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung AG (Delog) und die Deutsche Tafelglas AG fusionieren zur Flachglas AG mit Sitz in Gelsenkirchen-Rotthausen.
Seit 1961 ist jeder zehnte Arbeitsplatz im Ruhrgebiet verlorengegangen (insgesamt 219 000). Besonders stark betroffen ist die Emscherregion; hier sind z. B. 31,7 % der Arbeitsplätze in Bottrop und 24,8 % in Herne verlorengegangen.
In Dortmund bildet sich die Amateurtruppe »Initiative Theater Dortmund«.
Mit dem Deutschen Theater Berlin, Staatstheater der DDR, wirkt erstmals ein DDR-Ensemble an den Ruhrfestspielen Recklinghausen mit.
Der KSV Witten 07 wird zum ersten Mal Deutscher Mannschaftsmeister im Ringen.
Bei den Hallen-Europameisterschaften in Wien sind Leichtathleten aus Dortmund, Bochum und Wattenscheid erfolgreich.
Ost-West-Geschäft mit Gas und Röhren
Im Essener Hotel Kaiserhof unterzeichnen Vertreter der Ruhrgas AG, der Mannesmann-Export GmbH und der Deutschen Bank AG einerseits sowie Vertreter von zwei sowjetischen Staatsbetrieben und der sowjetischen Außenhandelsbank andererseits den sog. Erdgas-Röhren-Vertrag. Das deutsch-sowjetische Abkommen umfasst folgende Übereinkünfte:
- Mannesmann liefert in der Zeit von Juli 1970 bis Dezember 1972 1,2 Mio t Großröhren an die Sowjetunion zum Bau einer Gasleitung von 2000 km Länge
- Die Sowjetunion liefert ab Oktober 1973 innerhalb von 20 Jahren 52 Mrd m3 Erdgas im Wert von 2,5 Mrd DM an die Ruhrgas AG
- Ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank stellt der Sowjetunion zur Finanzierung der Röhrenlieferungen einen Kredit in Höhe von 1,2 Mrd DM zur Verfügung, der mit den Einnahmen aus den Gaslieferungen zurückgezahlt werden soll.
Der Vertrag über das bisher größte Ost-West-Geschäft wird im Beisein des deutschen Wirtschaftsministers Karl Schiller und des sowjetischen Außenhandelsministers Nikolai S. Patolitschew unterschrieben. Neben den ungewöhnlich günstigen Kreditbedingungen für die Sowjetunion, die bei einer Kreditlaufzeit von elf Jahren nur wenig mehr als 6 % Zinsen zu zahlen hat, wird von Kritikern des Vertrages bemängelt, dass die Bundesrepublik sich in Abhängigkeit von der UdSSR begäbe. Die WAZ schreibt zu dem Erdgas-Röhren-Geschäft: »Interessant [an dem Vertrag] ist vielmehr das Vertrauen in die Sicherheit der sowjetischen Lieferungen, denn immerhin wird die Ruhrgas AG ... [Erdgas-] Lieferverträge mit deutschen Abnehmern abschließen ...«
Spitzenposition mit Glas und Kunststoff
Aus dem Zusammenschluss der Deutschen Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung AG (Delog; 25. 10. 1925) und der Deutschen Tafelglas AG (Detag) entsteht die Flachglas AG mit Sitz in Gelsenkirchen-Rotthausen. In den nächsten Jahren entwickelt sich das Unternehmen mit Tochter- und Beteiligungsgesellschaften in der Bundesrepublik, den Vereinigten Staaten, in Brasilien, Österreich und den Niederlanden zu einem der führenden europäischen Hersteller von Tafelglas.
Die Produktpalette der Flachglas AG umfasst neben Sicherheits- und Isolierglas auch diverse Kunststoffe wie Polydet und Thermodet auf Glasfaserbasis. Aufgrund seiner hohen Witterungsbeständigkeit findet Polydet u. a. beim Fahrzeugbau (Wohnwagen), im Kühlsektor (Kühltheken) und im Straßenverkehr (beleuchtete Schilder) Verwendung. Thermodet hingegen wird vornehmlich im Innenbereich als Grundstoff für Waschbecken und Raumverkleidungen verwendet.
Neuordnung bei der VEBA
Im Rahmen einer Neuordnung der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks Aktiengesellschaft (VEBA) wird in Herne die VEBA Kraftwerke Ruhr GmbH mit Sitz in Gelsenkirchen gegründet. Zur jüngsten VEBA-Tochter gehören die Kraftwerke Scholven, Westerholt, Datteln und Shamrock mit einer Gesamtstromleistung von 7,5 Mio kWh. Die Anlagen werden aus der zur VEBA gehörenden Hibernia AG ausgegliedert, die Hibernia selbst wird aufgelöst, ihr Firmenname nach 97 Jahren ( 6. 3. 1873) aus dem Handelsregister gelöscht.
»Ein leuchtender Stern verlischt am Industriehimmel des Ruhrgebiets« mit diesen Worten kommentiert das Düsseldorfer »Handelsblatt« das Ende der Hibernia.
Neben der Kraftwerkswirtschaft erhält der VEBA-Konzern durch die Auflösung der Hibernia ihre Beteiligungen an der Aral AG ( 1967), der Ruhrstickstoff AG und der Phenol-Chemie GmbH. Ihr Aktienkapital wird in die am 16. Juli 1969 in Gelsenkirchen gegründete VEBA Chemie AG eingebracht.
Nach Abschluss der Neuordnung verfügt der VEBA-Konzern über ein Stammkapital von 825 Mio DM. Die Hauptsäulen des Unternehmens bilden u. a. die Preußische Elektrizitäts AG mit Sitz in Hannover und die VEBA Kraftwerke Ruhr GmbH.
Erster Revierpark bei Herne eröffnet
»Ehrengäste des Freizeitparks werden ins Wellenbad gebeten« unter dieser Überschrift berichtet die WAZ von der Eröffnung des Revierparks Gysenberg bei Herne. Der Park, der erste seiner Art im Revier, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Herne und des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk. Vor 10 000 Besuchern, die sich rund um das beheizbare Wellenbad versammelt haben, beginnen die Einweihungsfeierlichkeiten mit einer Ansprache von Oberbürgermeister Robert Brauner. Anschließend folgt ein buntes Programm, bei dem 400 Sportler verschiedener Sportarten vielfältige attraktive Nutzungsmöglichkeiten des Revierparks anschaulich demonstrieren.
Auf dem ca. 21 ha großen Gelände befinden sich neben dem Wellenbad ein für 350 Personen angelegtes Freizeithaus und eine Eissporthalle, die auch für andere Zwecke genutzt werden kann. Weiterhin verteilen sich Minigolfanlagen, Bogenschiessstände, eine Ponyreitbahn, ein Go-Cart-Kurs, Ruderteiche und Picknickplätze in den Grünanlagen. Bis 1971 sind noch Ballspielplätze, eine Sommerbob-Bahn sowie ein Märchen- und Abenteuerwald geplant; weitere Freizeiteinrichtungen kommen später noch hinzu.
Der Freizeitpark geht unmittelbar in ein 53 ha großes Waldgelände über, in dem sich auch ein Tierpark befindet. Das Naherholungszentrum kostete 18,4 Mio DM und wird von der Revierpark Gysenberg GmbH geleitet. Diese Gesellschaft, deren Träger die Stadt Herne und der Siedlungsverband sind, veranstaltet im Park auch ein Freizeitprogramm mit Kunst, Kultur und Unterhaltung. Bereits in den ersten Tagen nach der Eröffnung finden Beat- und Popkonzerte statt. Der Revierpark Gysenberg wird, ebenso wie die später eröffneten Parks, von den Menschen im Ruhrgebiet rasch angenommen und verzeichnet hohe Besucherzahlen.
Amateurtheater mit politischen Zielen
Mit der »Initiative Theater Dortmund« (später Dortmunder Lehrlingstheater) wird eine der ersten politisch engagierten freien Theatergruppen im Ruhrgebiet gegründet. In den 70er Jahren bilden sich zahlreiche Amateurtruppen mit dem Anspruch, auf der Bühne gesellschaftliche Probleme bewusst zu machen und so verändernd in die Wirklichkeit einzugreifen.
Die »Initiative Theater Dortmund« war aus einem vorwiegend von Schülern und Studenten gebildeten Arbeitskreis zum Thema »Kann Theater politisch sein?« hervorgegangen, der sich im Rahmen einer vom städtischen Jugendamt durchgeführten Studienfahrt zusammengefunden hatte. Aus kulturpolitischen Forderungen, z. B. nach inhaltlichen Angeboten auch aus der Arbeitswelt und nach erschwinglichen Eintrittspreisen, erwuchs bald der Wunsch, ein eigenes, bewusst parteiergreifendes Theater zu machen. Das erste selbstgeschriebene Stück setzt sich kritisch mit der Lehrlingsausbildung auseinander.
Billy Graham in Dortmund
Der amerikanische Baptisten-Prediger Billy Graham (Abb.), der den Beinamen »Maschinengewehr Gottes« trägt, tritt an sieben aufeinanderfolgenden Abenden im Rahmen einer Evangelisations-Aktion in der Dortmunder Westfalenhalle auf. Seine anfeuernden Predigten werden über gemietete Fernsehkanäle in 36 europäische Städte live aus der stets voll besetzten Westfalenhalle übertragen.
Neuer Tunnel in Essen
In Anwesenheit von Bundespräsident Gustav Heinemann wird in Essen der neue Autobahntunnel (Abb.) des Ruhrschnellwegs für den Verkehr freigegeben. Der Tunnel, dessen Trasse auf einer Länge von 1020 m den Autoverkehr der Bundesstraße 1 unterirdisch durch den Stadtkern leitet, führt zu einer erheblichen Verkehrsentlastung der Essener Innenstadt. Die Baukosten für die Unterführung betragen 40 Mio DM.
Kinderferienparadies
In der Dortmunder Westfalenhalle beginnt die erste, in der Bundesrepublik bisher einmalige Kinderferienparty. Bis zum 21. August bilden die Hallen III und IV einen abwechslungsreichen, riesigen Spielplatz (Abb.) für diejenigen Kinder, die in den großen Schulferien nicht in Urlaub fahren.
Schon am ersten Tag tummeln sich 7000 Kinder bei Ballspielen, im Verkehrskindergarten oder vor dem Kasperletheater.
Werkkreis Literatur der Arbeitswelt
Im Jugendzentrum Essen wird die »Ruhrwerkstatt für Literatur der Arbeitswelt« gegründet. Die neue Vereinigung sieht ihre Aufgabe in der vornehmlich sprachlichen »Darstellung der Situation abhängig Arbeitender und der wirksamen Verbreitung der so entstehenden Arbeit. Auf diese Weise versucht der Werkkreis, die menschlichen und materiell-technischen Probleme als gesellschaftliche bewusst zu machen. Er will dazu beitragen, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der abhängig Arbeitenden zu verändern« (§ 2 der Satzung). Der Werkkreis Literatur versteht sich als Fortsetzung der Dortmunder Gruppe 61 ( 31. 3. 1961).
Ringer aus Witten erstmals Meister
Die Mannschaft des Kraft-Sport-Vereins Witten 07 gewinnt zum ersten Mal die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen. In den 70er und 80er Jahren erkämpfen die Wittener Ringer noch mehrfach die Mannschaftsmeisterschaft, aber auch zahlreiche Einzeltitel bei nationalen und internationalen Meisterschaften sowie Medaillen bei Olympischen Spielen.
Zu den erfolgreichsten Athleten des 1907 von Arbeitern gegründeten Vereins zählt Klaus Jürgen Rost, der bereits 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio eine Silbermedaille errang; er wird bis 1973 insgesamt 15-mal Deutscher Meister und erringt mehrfach internationale Titel. Ähnlich erfolgreich ist Karl-Heinz Helbing, der 1976 in Montreal olympische Bronze gewinnt und zehn Deutsche Meistertitel in seiner jeweiligen Gewichtsklasse erringt.
Vorläufer Wittens als Ringerhochburg war Dortmund, wo der ASV Heros Dortmund zwischen 1949 und 1957 siebenmal die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewann.